Aus dem Tal auf den Berg – Inken ist im Leben angekommen

Regensburg, im Juli 2013. Sie sagt, sie sei verliebt. Sie lächelt viel, strahlt Offenheit aus und ist entspannt. Sie ist zufrieden mit sich und ihrer Umwelt. Inken, 21, steht heute sichtbar auf der Sonnenseite. Doch das war nicht immer so. Mit drei Jahren fing es an. Mit einer kleinen Stelle auf dem Rücken. Die Diagnose war schnell gestellt: Psoriasis. Nicht wirklich aufregend in diesem Alter. In der Grundschule sah es schon anders aus. Flecken überall, am Gesicht und am Körper. Ins Schwimmbad gehen: nein, danke. Das öffentliche Versteckspiel beginnt. Doch kein Grund zur Panik. Eine Klassenfreundin mit starker Neurodermitis gibt ihr in der Schule Halt. Der Vater mit starker Psoriasis in der Familie. Fragende Blicke und doofe Sprüche sind kein Aufreger. „Ich bin nicht ausgeschlossen worden“, erinnert sich Inken.

Das sollte sich bald ändern. Klasse 8, weiterführende Schule. Inken geht, wie schon in den Jahren zuvor, zur Kur. Sie ist gerade 13 Jahre geworden. An einem Abend erhält sie einen Anruf. „Schau Dich mal an, wie Du aussiehst. Hässlich“. Es bleibt nicht bei diesem einen Anruf. Eine Mobbing-Welle rollt auf Inken zu. Sie reagiert mit Angst. Angst, wieder in die Schule, in die Klasse zu gehen, Angst, mit der Ablehnung dann auch persönlich konfrontiert zu werden. Eine Welt bricht zusammen. Stimmung, Lebensfreude und Selbstbewusstsein sinken auf den Nullpunkt. Sie verweigert sich, geht nicht mehr zur Schule, zieht sich zurück, baut Wände um sich. Der Tiefpunkt in ihrem Leben ist erreicht. Doch mit Unterstützung ihrer Familie entscheidet sie sich für eine drastische Maßnahme: „Ich habe mitten im Schuljahr die Schule gewechselt und auch das Bundesland“. Neustart. Zunächst aber mit alten Verhaltensmustern. Lange Klamotten gemäß der Devise: erstmal Anschluss finden, Leute kennenlernen. Das gelingt. Mit einer verbalen Informationsoffensive, „Ich habe gleich gesagt was Sache ist“, findet sie einen stabilen Freundeskreis. Nach zwei bis drei Monaten in der neuen Klasse werden auch wieder die kurzen Sachen aus dem Schrank geholt. Allerdings bleibt schwarz weiterhin tabu. Silberweiße Schuppen auf schwarzem Untergrund – macht sich nicht wirklich gut.

Ihre Hoffnung, in der Pubertät werde sich das mit der Psoriasis schon lösen, wird enttäuscht. Die Psoriasis geht nicht weg, sie verändert sich. Kleinere statt größere Flecken, mehr Körperregionen, vor allem ausgeprägter an den Beinen. Die erste medikamentöse Therapie im Alter von 16 und 17 bringt nicht den gewünschten Erfolg. Trotzdem gewinnt Stabilität im Leben von Inken einen festen Platz. Doch dann schlägt die Krise wieder zu. Inken fällt durch fragwürdiges Lehrerverhalten durch das Abitur. Stress pur. Ihre Psoriasis nimmt dramatisch zu. Der zweite Tiefpunkt in ihrem Leben. Und wieder trifft Inken, diesmal drei, richtungsweisende Entscheidungen: Sie zieht von zu Hause aus, verabschiedet sich vom Abitur, sucht und findet einen Ausbildungsplatz und wechselt den Arzt. Ihre Psoriasis tritt den Rückzug an. Inken ist auf dem Weg, erwachsen zu werden.

Mit dem neuen Ausbildungsplatz in einem Krankenhaus – Abschluss: Kauffrau im Gesundheitswesen – steigt ihr Bedürfnis, mehr über die Erkrankung zu erfahren. Gleichzeitig bemerkt sie steigende Akzeptanz im beruflichen Umfeld. „Das war die Zeit, wo meine Persönlichkeit einen großen Schub bekommen hat“. Inken wird selbständiger. Psoriasis ist zwar weiterhin ein Begleiter, aber keiner, der subjektiv als bedrohlich wahrgenommen wird.

Und dann geschieht es. Wieder so ein Wendpunkt in ihrem Leben. Allerdings diesmal von Beginn an positiv. „Probier das doch mal“, so ihr Vater, als er im PSO Magazin die Werbung für das 4. Jugendcamp des Deutschen Psoriasis Bundes las. Und sie probiert. Mit einem Schuss Unsicherheit, aber auch neugierig. Das Wochenende in Stade legt bei ihr einen Schalter um. „Ich habe erkannt, dass ich nicht nur mir helfen will, sondern auch anderen Jugendlichen“. Nach dem Camp wird Inken aktiv. Fordert selbst ihren Arzt mit Fragen heraus. Beim fünften Jugendcamp in Regensburg, ihr zweites, zeigt Inken die gewonnenen Stärken. Und trifft wieder Florian, mit dem sie künftig als „Jugendbotschafterin“ für betroffene Jugendliche da sein wird. Im Workshop mit dem betreuenden Psychologen ist die Aufgabe, ein Bild zu zeichnen, das die aktuelle Lebenssituation ausdrückt. Bei Inken sind es vier Motive, die ihr Bild prägen: Sonne, Herz, offenes Fenster und Anker.
Inken, 21, ist im Leben angekommen.